Freitag, 1. Dezember 2017

Linden Lab auf der AWS re:Invent - Sansar und Second Life

Quelle: Amazon Web Services / YouTube
Vom 27. November bis 1. Dezember 2017, fand in Las Vegas die AWS re:Invent statt. Das ist die jährliche Kunden-Konferenz von Amazon Web Services. Dort wurde dieses Jahr nicht nur die neue 3D-Plattform Amazon Sumerian angekündigt, sondern es gab eine ganze Reihe an weiteren Produktankündigungen und Vorträgen, die etwas mit Cloud Computing zu tun haben.

Über einen Tweet von Linden Lab, bin ich auf ein Video aufmerksam geworden, das eine Präsentation von Tara Hernandez zeigt. Tara ist leitende Systemingenieurin bei Linden Lab und auf der AWS hat sie einen Vortrag über die aktuelle technische Entwicklung von Sansar und Second Life gehalten. In dieser Qualität hat das bisher noch kein Linden irgendwo öffentlich gemacht. Aus den 34 Minuten ihres Vortrags, fasse ich nun ein paar Informationen zusammen, die für mich recht interessant waren.

Der Titel des Vortrags lautete "How Linden Lab Built a Virtual World on the AWS Cloud" oder übersetzt: "Wie Linden Lab eine virtuelle Welt in der AWS Cloud erstellt hat". Gemeint ist hier Sansar, das bereits heute weitgehend in der Amazon Cloud läuft. Deshalb besteht der überwiegende Teil der Präsentation auch aus der Erklärung, wie Sansar in die ganzen Dienste und Schnittstellen der AWS eingebunden ist. Und welche Ziele Linden Lab verfolgt, um die Wartung der Plattform noch weiter zu vereinfachen.

Das betrifft vor allem die Updates, die Linden Lab für Sansar einmal pro Monat durchführt. Die nächste Folie hier unten zeigt alle beteiligten Komponenten, um so ein Update auf den Cloud Servern aufzuspielen. Linden Lab setzt seinen Fokus dabei sehr stark auf die Verwendung von Industriestandard-Lösungen. Tara räumt bei ihren Erläuterungen ein, dass Second Life in den Anfangsjahren für fast alle Dienste selbstgestrickte Lösungen verwendete. Zum Beispiel entsprach die Grafik-Engine keinem Standard, sondern war eine reine Linden Lab Entwicklung, die direkt mit der Hardware kommunizierte. Inzwischen ist man bei der Grafik auf den Standard OpenGL gewechselt.

Quelle: Linden Lab / YouTube
Ein weiteres großes Thema für Second Life und Sansar, ist die Beachtung aller geltenden Gesetze und Regelungen beim Umtausch von realer Währung in virtuelle Währung, oder auch anders herum. Hier muss Linden Lab auf Dinge achten, die den meisten Plattform-Nutzern nicht bekannt sind. LL muss in seinen jährlichen Bilanzen den gesamten Geldfluss vor dem Finanzamt und der Finanzaufsicht ausweisen.

Anhand einer Folie zur Funktion des Sansar Atlas (nächste Grafik), erklärt Tara, dass für Sansar die meisten Funktionen auf den Amazon Dienst "Elastic Container Service" (oder kurz ECS) zurückgreifen. Was das ist, erklärt Amazon auf dieser Seite, allerdings muss man schon etwas technikaffin sein, um das nachvollziehen zu können. Interessant ist aber, dass Amazon seinen Kunden Linden Lab auf einer eigenen Webseite als beispielhaften Anwendungsfall für ECS vorstellt.

Quelle: Linden Lab / YouTube
Tara erzählt in Bezug auf Sansar, dass man aktuell noch einiges im Umgang mit den Amazon Diensten lernen muss. Das Nutzerverhalten der Sansar Besucher führt immer wieder zu neuen Erkenntnissen, die man für Optimierungen in kommenden Updates verwenden könne. Deshalb hätte man die Plattform auch in einem so frühen Stadium der Beta Phase für die Allgemeinheit geöffnet. Denn erst ab einer gewissen Anzahl von Nutzern, kann man Cloud Dienste hinsichtlich Performance und Störungsfreiheit optimieren.

Ganz am Ende des Vortrags, ab etwa min 32:10, gibt es dann noch einen kurzen Ausblick auf die Bemühungen von Linden Lab, auch Second Life in die Amazon Cloud zu verlagern. Dieses Projekt hat für Linden Lab gleich zwei wesentliche Vorteile. Zum einen ist es die Kostenersparnis durch die Nutzung der Hardware von Amazon. Denn damit entfällt Kauf, Unterbringung und Wartung der Server in den eigenen Serverzentren von Linden Lab. Und zum zweiten werden die Second Life Dienste durch die Verlagerung in die Cloud auf fertige Industriestandard-Lösungen portiert, was die Stabilität und Performance der Simulatoren erhöhen soll.

Quelle: Linden Lab / YouTube
Gerade was die Wartung und Aufrüstung der Hardware angeht, sei Linden Lab in den letzten Jahren immer mehr in eine "unschöne Situation" geraten, die einen großen Teil der Ressourcen von LL verbrauche. Und das führt wiederum dazu, dass Second Life nicht mehr so oft aktualisiert werden kann, wie das in den Anfangsjahren einmal der Fall war. Diese Situation könnte durch den Umzug in die Cloud wieder deutlich verbessert werden.

Außerdem könne man auch die Synergieeffekte nutzen, wenn sowohl Sansar als auch Second Life in der Cloud laufen, da man zum Teil die gleichen Dienste verwendet. So soll zum Beispiel eine Second Life Region in der Cloud komplett offline gehen, wenn sich kein Avatar in ihr befindet. Das könnte ein Ansatz dafür sein, die Landkosten in der Cloud für die Nutzer zu senken, indem sie nur noch für die Zeit bezahlen, in der eine Region auch online ist.

Quelle: Linden Lab / YouTube
Am Ende ist Tara jedenfalls optimistisch, was die Zukunft beider Plattformen von Linden Lab angeht. Dennoch gäbe es große Herausforderungen und auch große Veränderungen für Second Life im nächsten Jahr. Unter anderem spricht sie die Second Life Third Party Viewer an, die von mehr SL‑Nutzern verwendet werden als der hauseigene SL Viewer.

Das wäre sowohl gut als auch schlecht. Gut, weil es zeigt, dass die SL Community sehr engagiert ist. Schlecht, weil es beim Umzug in die Cloud viele Änderungen geben wird, damit der Content in Second Life weiter nutzbar bleibt. Und diese Änderungen werden wohl für die TPVs eine große Herausforderung werden. Auf Taras letzter Folie steht der Satz "Third-Party Second Life Viewer = nichts stirb endgültig" (siehe letztes Bild oben). Tara sagt dazu noch, dass sie ein erfahrenes Team hätte, das (meine Interpretation) auch den TPV-Entwicklern helfen wird.

AWS re:invent 2017: How Linden Lab Built a Virtual World on the AWS Cloud



Alles in Allem, sollte Tara öfters über die Entwicklung bei Linden Lab sprechen. Seit dem Weggang von Andrew Linden, hat niemand mehr so viel Fachwissen gezeigt, wie die leitende Systemingenieurin von Linden Lab.

Links:

2 Kommentare:

  1. Ahh, jetzt wird einiges klarer. das waren interessante Informationen. Gemessen an diesem Vortrag sollte LL weiterhin seine Informationspolitik gestalten.

    Die Niki

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  2. Wow.
    So viel Info bezüglich der Pläne von LL gab es lange nicht.
    Und es erklärt und erhellt einem wirklich vieles.
    Ob ich das gut finde mit der AWS Cloud weiss ich noch nicht so recht, ich bin ein Cloud Gegner.........generell. Aber okay, das es Vorteile haben könnte ist klar.
    Hm.
    Spannend.
    Danke für den Bericht, Maddy!

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